Scham
Scham ist einerseits eine wichtige und gesunde und soziale Emotion, die unser soziales Zusammenleben sichern kann, denn sie reguliert unser Verhalten trägt dazu bei, dass wir nicht durch „Fehlverhalten“ aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Andererseits kann Scham auch sehr belastend und äusserst schmerzhaft sein.
Das von Menschen in meinem Umfeld und in meinem beruflichen Alltag Geschilderte führte dazu, mich mit der belastenden, schmerzhaften Seite der Emotion Scham zu befassen. Dabei traf ich immer wieder auch auf eigene Betroffenheiten. Dafür bin ich dankbar, denn das bewusste Erkennen von Erfahrungen und den Zusammenhängen mit Schamgefühlen ist wohl anspruchsvoll aber innerlich auch sehr stärkend und befreiend.
Mit den folgenden Informationen zu Scham und Schamgefühlen und wie diese erlebt werden können, sowie woran Scham-Betroffenheit zu erkennen ist, möchte ich einen Beitrag dazu leisten, den eigenen Empfindungen, Reaktionen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Emotion und denen anderer achtsamer, mitfühlender und verständnisvoller zu begegnen. Die folgende Texte basieren auf persönlichen und beruflichen Erfahrungen, Recherchen und fachlichen Beiträgen. Ganz unten finden Sie Selbsthilfe-Werkzeuge beschrieben und Hinweise auf Quellen und Literatur (nicht abschliessend).
Aus meiner Sicht hat sich mit Scham zu befassen, schambehaftete Situationen zu reflektieren, darüber nachzudenken was Scham, Beschämung, Fremdschämen bedeutet und bewirken kann, eine hohe Aktualität und ist bedeutsam, wenn beispielsweise der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft BV-Artikel 7, 1. Artikel der Grundrechte "Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen" ernsthaft Rechnung getragen werden möchte.
Die Würde und eigentlich auch die ganz basale Gesundheit und Zukunft des Lebens auf unserem Planeten für die jetzigen und kommenden Generationen hängen davon ab, in wie fern wir es uns eingestehen, dass jede und jeder im Verlauf seines Lebens anderen schon einmal schmerzhaften toxische Beschämung zugefügt hat, oder selber toxischen Scham, Beschämung und Fremdschämen sowie deren entwürdigende Wirkung erfahren hat: manchmal bis fast zur Unerträglichkeit, was möglicherweise auch weggedrückt, betäubt und eingefroren wurde.
Professor Dr. Ashok Riehm gab einem seiner Videos, am 25.12.2025 veröffentlicht auf Youtube den Titel "Warum ist Scham der Deckel auf verbotene Wut?" Im Text unter dem Video bezüglich Inhalt kommt dann der Satz "Warum Scham der Gefrierschrank der "Aggression" ist". Das in mir dazu produzierte Bild kam mit einem Bild zusammen, welches ich seit Jahren in mir auftauchend habe, nämlich ein Mensch und Emotionen und Gefühle, eingefroren, zu Packeis geworden. Ich beobachte und höre oft, dass wenn Menschen sehr mit Scham konfrontiert sind auch ein Frieren einsetzen kann oder Eiseskälte von Innen nach Aussen zu ströme. Das würde diesem Bild entsprechen.
Wie wird belastende, schmerzhafte Scham erlebt?
Menschen mit Scham fühlen sich oft ohnmächtig bzw. machtlos. Als Folge unterwerfen sie sich anderen bzw. deren geltenden Normen (Massstäben, Regeln, Vorschriften) und passen sich an. Wenn ein Mensch beschämt wird, sich schämt, ist dies ein Gefühl der Verlegenheit oder Blossstellung, das auf Grund von Verletzung der Intimsphäre (z.B. durch Gewalt in jeglicher Form) auftreten oder auf dem Gedanken beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben.
Wenn wir uns schämen, fühlen wir uns ausgeliefert, überfallen oder überrascht. Wir verlieren – meist vorübergehend – unsere Geistesgegenwart und Selbstkontrolle; wir fühlen uns geistig gelähmt oder verwirrt. Wir empfinden uns als unfähig, unzulänglich, minderwertig, hilflos, schwach, machtlos, wertlos, lächerlich, gedemütigt und/oder gekränkt. Die Beziehung zu Mitmenschen wird oft schlagartig abgebrochen; unsere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung richtet sich stark auf uns selbst.
Beispiel:
Online wurde eine Wohnung mit bezahlbarer Miete, Treppenlift, ruhiger Lage, sich an ältere Personen adressierend ausgeschrieben. Anlässlich des Besichtigungstermins wurden den zehn zur Besichtigung eingeladenen Personen ohne Vorstellung der Vermieterschaft, in einem respektarmen fast aggressivem Ton mit eher achtloser Wortwahl eröffnet, dass die ausgeschriebene Wohnung an eine Person mit Behinderung vermietet werden solle, sowie dass es auch jüngere Menschen gäbe, die solch eine bezahlbare Mietwohnung brauchen. Dagegen war nichts einzuwenden. Nur, in der Ausschreibung hätte dies klar benannt werden können. Dann hätten sich einige Interesent:innen die Zeit, den Weg und die Energie sparen können um die Wohnung besichtigen zu kommen. Sie hätten sich diesen demütigenden, beschämenden Moment und die Art und Weise (Wortwahl,Körpersprache) wie Sie angesprochen wurde, nicht einzeln, sondern als Gruppe ersparen können, und die Vermieterschaft hätte von Anfang die Zielgruppe vor sich stehen gehabt, welche sie anscheinend bevorzugte.
Wie reagierten die Anwesenden?
Zwei Personen verliessen sofort den Raum, eine Person sprach den Herrn auf seine Aussagen hin an, die anderen standen still da.
Dies sind typische Reaktionen auf überraschende, enttäuschende und beschämende Situationen bzw. Handlungen. Dr. Stephan Marks beschreibt in seinem Buch 'SCHAM die tabuisierte Emotion' folgende Reaktionen und Verhaltensweisen auf Scham, Beschämung und Fremdscham folgendermassen:
Wir bedecken oder verbergen unser Gesicht, senken den Kopf oder wenden ihn ab. Wir kneifen die Augen zusammen oder drehen sie weg. Wir schlagen die Augenlider nieder oder senken den Blick, blinzeln schnell mit den Augen oder wir vermeiden den Blickkontakt, der Blick wird unstet.
Wir rollen die Lippen ein, beissen auf die Lippen oder nehmen die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Mundwinkel hängen herab oder zucken. Oder unsere Gesichtszüge „frieren ein“, wir setzen unbewusst eine 'Maske' auf. Je nach Situation kann die Mimik durch den Ausdruck von Ärger, Furcht, Trauer oder Niedergeschlagenheit überlagert werden.
Typischerweise bekommen wir kein Wort oder nur unangebrachte Bemerkungen heraus, wenn wir uns schämen. Wir stottern, lachen verlegen oder beginnen einen Redefluss um die Peinlichkeit zu überdecken.
Formen von Scham
Da sind die Schamgefühle, die dadurch ausgelöst werden, dass man den herrschenden Erwartungen nicht entspricht. Dies kann sich auf den eigenen Körper beziehen (etwa wenn man sich für sein Aussehen schämt) oder auf persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten (etwa wenn man sich dafür schämt Analphabet zu sein). Diese Form von Scham bezeichnet Dr. Stephan Marks als Anpassungs-Scham, welche sich auf die eigene Person bezieht. Ausgelöst wird sie:
- durch Verletzung von Regeln oder Vorschriften, respektloses, unfaires, unangemessenes oder unsportliches Verhalten: Etwa, wenn man zu spät kommt, wenn der Reissverschluss der Hose versehentlich nicht geschlossen ist, wenn das Handy in einer ruhigen Umgebung klingelt.
- durch Mangel an Bildung, Lese-/Schreib-/Rechenschwäche, Versagen, schlechte Schulnoten, Fehler, Nichteinhalten eines Versprechens, durch psychische Probleme umso mehr wenn sie öffentlich sichtbar werden, durch unsicheres Auftreten, Erröten oder wenn Gefühle sichtbar zu werden drohen.
- durch soziale Schwäche wie geringen beruflichen Status, Arbeitslosigkeit, Armut, Hilfsbedürftigkeit, Schulden, Nachgeben oder Verlieren. Unter Jugendlichen zeigt sich diese Scham etwa daran, dass Mitschüler:innen gemobbt werden, die bestimmte „coole“ Statussymbole wie Handy, Kleidung oder Turnschuhe bestimmter Hersteller nicht besitzen.
Häufig ist es auch der eigene Körper, der Schamgefühle auslöst
-durch kurzfristigen Verlust von Kontrolle über den Körper etwa bei Erröten, Stolpern, Stürzen, Ungeschicklichkeiten, Rülpsen, Blähungen, Kontrollverlust über Körperausscheidungen, sich bekleckern u.a.
- durch Krankheiten, körperliche Merkmale (Körpergeruch, abstehende Ohren, auffallende Körpergrösse, sichtbare Beeinträchtigungen, Auswirkungen unsichtbarer Beeinträchtigungen).
- durch Körperbau, schlechte Sportleistungen, Übergewicht, verminderte Leistungsfähigkeit.
- wenn jemand das Gefühl hat, dem herrschenden Schönheitsideal nicht zu entsprechen.
- wenn jemand in einer rassistischen Gesellschaft die „falsche“ Hautfarbe hat.
Im Unterschied zum Anpassungs-Scham bezieht sich Gruppen-Scham („fremdschämen“) auf andere Personen, etwa wenn man sich für ein krankes oder beeinträchtigtes Familienmitglied schämt. Ausgelöst werden kann Gruppen-Scham
- durch die Nähe oder Zugehörigkeit zu einer Person oder Familie, vor allem wenn diese „mit Schande behaftet“ ist. So schämt sich mensch z.B. für die mangelnde Bildung oder die Armut der Eltern, für die „verrückte“ oder geschiedene Tante oder für das „schwarze Schaf“, den Versager, Straftäter, psychisch oder körperlich Kranken und sein Benehmen;
- oder durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Nation, die mit Schande behaftet ist.
Auch die mitgefühlte oder empathische Scham bezieht sich auf andere Personen. Wir fühlen mit, wenn wir Zeug:in der Beschämung eines Mitmenschen werden, etwa wenn ein Mensch erniedrigt wird. Mitgefühlte oder empathische Scham befähigt uns zu Mitgefühl, Solidarität und Freundschaft. Sie treibt uns an, Schwachen beizustehen, sie zu schützen oder zu verteidigen.
Eine weitere Ausprägung der Scham ist, die Schamhaftigkeit oder Intimitäts-Scham. Sie hat die Aufgabe, die eigene Privatsphäre gegenüber anderen zu schützen (z.B. indem wir persönliche Gefühle nicht in die Öffentlichkeit hinausposaunen).
Intimitäts-Scham oder Schamhaftigkeit hat die Aufgabe, die körperlichen und seelischen Grenzen und die Identität des Menschen zu wahren. Dies geschieht durch Bedeckung von intimen Körperregionen oder durch Kontrolle dessen, was wir über uns preisgeben. Verletzt wird die Intimitäts-Scham wenn unsere Würde verletzt wird, z.B. durch den Missbrauch von Macht etwa durch öffentliche Blossstellung, Anprangerung, Mobbing, Geringschätzung, Kritik „unter der Gürtellinie“, Erniedrigung, Beschämung, Verachtung, Gewalt oder Respektlosigkeit.
Oder wenn wir ausgeschlossen oder wie Luft behandelt (soziale Ausgrenzung bzw. Ostrazismus), abgestempelt, angestarrt, ungewollt ausgestellt, verspottet, blamiert, lächerlich oder zu einem Objekt oder einer Zahl gemacht werden.
Die Angst, aufgrund eines Versagens beschämt zu werden, kann auch in der Vorstellung vorweggenommen werden, etwa als Lampenfieber, Prüfungsangst oder in Bezug auf Versagen in Beziehungen.
Wir schützen unsere Eigenart, unsere persönlichen Gedanken, Gefühle oder Fantasien, unser Anders-Sein, „halten uns bedeckt“.
Zu viel von der Scham kann auch ungünstig sein, etwa körperlich: Wenn z.B. eine Untersuchung beim Arzt zur Früherkennung aus Scham hinausgezögert wird. Oder seelisch: Wenn wir uns so sehr „bedeckt“ halten, dass keine Begegnung mit anderen Menschen mehr möglich ist.
Wenn die Privatsphäre oder Würde in traumatischer Weise durch andere Menschen verletzt wurde - etwa durch Missbrauch oder Gewalt auf der emotionalen, mentalen, körperlichen, psychischen, körperlichen oder spirituellen Ebene - bleibt bei Opfern traumatische Scham zurück. Bei dieser Form von Scham, welche eine Verletzung auf seelischer Ebene ist, verankert sich die Überzeugung unzulänglich, unvollkommen, nicht richtig oder ein Fehler zu sein. Diese Überzeugung wiederum geht über in kein Selbstwertgefühl mehr verspüren. Chronischer Selbstzweifel, stetig zunehmende Selbstkritik, Selbst-Verurteilung und den Glauben an seine Fähigkeiten und seinen Wert verlieren 'krönen' diesen bedrückenden Verlauf, welcher zum Dauerzustand von sich minderwertig und defekt fühlen kann, und bis hin zu emotionalem und sozialem Rückzug und zu Angst vor Ablehnung oder Verurteilt werden führen kann, sobald sich mensch mit seinen Anteilen zeigt.
Die eben beschriebenen Schamgefühle unterscheiden sich von den Gefühlen der Täter:innen, die sich für ihr Handeln schämen: Diese Schamgefühle nennt Stephan Marks Gewissens- oder moralische Scham. Die Gewissens- oder moralische Scham meldet sich, wenn wir nicht in Übereinstimmung mit unserem Gewissen und mit Ehrfurcht und Respekt gehandelt haben.
Gewissens-Scham tritt also auf:
- wenn wir gegen unser Gewissen gehandelt haben;
- wenn wir unsere eigenen Ideale oder unsere Würde verletzt haben;
- wenn wir unsere Menschlichkeit aufgegeben haben;
- wenn wir uns materiell, politisch oder seelisch haben korrumpieren lassen
(z.B. ein entwürdigendes Arbeitsverhältnis aufrechterhalten haben);
- wenn wir unseren Lebenssinn verfehlen;
- wenn wir einem Mitmenschen die Hilfe verweigern, nicht mit Zivilcourage gehandelt haben.
Gewissens-Scham erinnert uns zudem auch an unversöhnte Schuld. Beispielsweise wenn wir einen Menschen verletzt und geschädigt haben, genügt es nicht, uns dafür zu schämen. Notwendig ist es auch, diesen Menschen um Verzeihung zu bitten und die Schuld wiedergutzumachen.
Als zum Umfeld von Menschen zählend, welche von toxischer Scham betroffen sind, ist es mir ein Anliegen auf diese Form von Scham einzugehen. Ich und andere haben über viele Jahre miterlebt, dass man alles Erdenkliche tun und aufbauen kann, um zu vermeiden, dass ein Mensch in seinen ersten Lebensjahren aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht immer wieder negative Erfahrungen machen muss (demütigende Kritik weil 'Leistungen' nicht wie erwartet erbracht werden können; Unterstellungen was dieser Mensch alles angeblich mache/gemacht haben solle und es ihm deshalb schlecht ginge; Missbrauch auf verschiedenen Ebenen, weil sich sprachlich zur Wehr setzen nicht so leicht gelang/gelingt; von Aussenstehenden, Lehrkräften oder Auszubildenden gesagt bekommen man sei dumm, falsch, defekt oder falsch am Platz u.a.m.).
Dies hinterliess eine immer tiefer werdene Glaubens-Spur in diesem Menschen des falsch, schlecht und unwürdig sein. Alles Benennen von dessen Qualitäten gegenüber den betroffenen Menschen, die deren Einschränkungen und Beeinträchigung überragen, kamen irgendwann nicht mehr durch und an. Zu dick war und ist die Packeis-Mauer schon. Diese Menschen begannen sich in selbstzerstörerischen Verhaltensweisen festzufahren, und kämpfen heute, wie so viele andere Betroffene auch damit sich wertlos, gebrochen, kaputt zu fühlen. Nachdem diese Menschen ihre angeblichen Schwächen und Unvollkommenheiten mit Überanpassung oder Aggression und Perfektionismus versuchten zu kaschieren, damit jedoch auch immer wieder Niederlagen einstecken mussten, gingen sie vermehrt in den emotionalen und dann sozialen Rückzug über. All dies verursacht auch gesundheitliche Probleme, für die zu lösen fast keine Kraft mehr mobilisierbar zu sein scheint.
Gelingt es aber therapeutisch/beratend tätigen Menschen empathisch vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, kann es gelingen, dass ein von toxischer Scham betroffener Mensch seinen grundsätzlichen Wert wieder anerkennt, und zurück in sein eigenes Leben und zur Selbst-Wertschätzung findet.
Worüber ich eigentlich bis jetzt noch nicht viel zum Lesen gefunden habe ist zur transgenerationalen Scham. Häufig sind mir während Begleitungen und Coachings Menschen begegegnet, welche sich nicht erklären konnten, weshalb sie sich in bestimmten Situationen und Themenfelder derart intensiv mit Schamgefühlen konfrontiert erlebten. Über das punktgenaue kinesiologische Testen mit dem Omura-Testverfahren zeigte sich jedoch häufig, sobald Trigger 'aufgespürt' worden waren sowie auf der Zeitlinie getestet wurden, dass diese Testungsergebnisse gar nicht die eigene Vergangenheit betrafen, sondern sich auf 'bis weit nach hinten' in die Ahn:innen-Linien bezogen. Beschäftigt man sich mit Literatur zu transgenerationalen Traumata erstaunt diese wiederkehrende Feststellung von transgenerationaler Scham nicht. Denn bei transgenerationaler Traumata geht es um seelische Verletzungen und Belastungen früherer Generationen, welche bei Nachkommen verschiedenste Symptome auslösen können, obwohl diese die Traumata nicht selber erlebt haben. Die Weitergabe von transgenerationaler Traumata erfolge gemäss Literatur durch Verhalten, Kommunikation, emotionale Muster sowie möglicherweise auch epigenetisch, nämlich durch Vererbung von Stressreaktionen. Damit liesse sich erklären, wie es zu solchen Testergebnissen im Zusammenhang mit Scham in der Ahn:innen-Linie kommen kann. Ich würde mir wünschen, dass gerade diese Form von Scham mit Studien und Forschung weiter vertieft würde. Dies könnte auch ein Beitrag dazu sein, dass die Würde jedes Menschen, sowohl von jenen, die schon gegangen sind, als auch von jenen, die jetzt leben und jenen, die noch kommen, bewusster geachtet und geschützt würde und wäre.
Nachfolgend beschreibe ich Selbsthilfe-Werkzeuge, welche Ihnen dabei helfen können, Belastungen im Zusammenhang mit Scham erträglicher zu bekommen, zu reduzieren oder vielleicht sogar abzubauen.
Sind Sie oder Menschen in Ihrem Umfeld von gravierender Scham-Belastung betroffen, bitte ich Sie, sich an eine medizinische Fachperson zu wenden.
Mögen wir mit mehr Bewusstsein für die Emotion Scham und unserem eigenen Bezug zu dieser Emotion mit bewirken, dass wir bewusster unsere eigene und die Würde jedes Menschen achten und schützen, und damit dazu beitragen, dass es allen von Moment zu Moment in jeder Hinsicht (wieder) besser und besser geht.
Quellen und Literatur
Das von Menschen in meinem Umfeld und in meinem beruflichen Alltag Geschilderte führte dazu, mich mit der belastenden, schmerzhaften Seite der Emotion Scham zu befassen. Dabei traf ich immer wieder auch auf eigene Betroffenheiten. Dafür bin ich dankbar, denn das bewusste Erkennen von Erfahrungen und den Zusammenhängen mit Schamgefühlen ist wohl anspruchsvoll aber innerlich auch sehr stärkend und befreiend.
Mit den folgenden Informationen zu Scham und Schamgefühlen und wie diese erlebt werden können, sowie woran Scham-Betroffenheit zu erkennen ist, möchte ich einen Beitrag dazu leisten, den eigenen Empfindungen, Reaktionen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Emotion und denen anderer achtsamer, mitfühlender und verständnisvoller zu begegnen. Die folgende Texte basieren auf persönlichen und beruflichen Erfahrungen, Recherchen und fachlichen Beiträgen. Ganz unten finden Sie Selbsthilfe-Werkzeuge beschrieben und Hinweise auf Quellen und Literatur (nicht abschliessend).
Aus meiner Sicht hat sich mit Scham zu befassen, schambehaftete Situationen zu reflektieren, darüber nachzudenken was Scham, Beschämung, Fremdschämen bedeutet und bewirken kann, eine hohe Aktualität und ist bedeutsam, wenn beispielsweise der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft BV-Artikel 7, 1. Artikel der Grundrechte "Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen" ernsthaft Rechnung getragen werden möchte.
Die Würde und eigentlich auch die ganz basale Gesundheit und Zukunft des Lebens auf unserem Planeten für die jetzigen und kommenden Generationen hängen davon ab, in wie fern wir es uns eingestehen, dass jede und jeder im Verlauf seines Lebens anderen schon einmal schmerzhaften toxische Beschämung zugefügt hat, oder selber toxischen Scham, Beschämung und Fremdschämen sowie deren entwürdigende Wirkung erfahren hat: manchmal bis fast zur Unerträglichkeit, was möglicherweise auch weggedrückt, betäubt und eingefroren wurde.
Professor Dr. Ashok Riehm gab einem seiner Videos, am 25.12.2025 veröffentlicht auf Youtube den Titel "Warum ist Scham der Deckel auf verbotene Wut?" Im Text unter dem Video bezüglich Inhalt kommt dann der Satz "Warum Scham der Gefrierschrank der "Aggression" ist". Das in mir dazu produzierte Bild kam mit einem Bild zusammen, welches ich seit Jahren in mir auftauchend habe, nämlich ein Mensch und Emotionen und Gefühle, eingefroren, zu Packeis geworden. Ich beobachte und höre oft, dass wenn Menschen sehr mit Scham konfrontiert sind auch ein Frieren einsetzen kann oder Eiseskälte von Innen nach Aussen zu ströme. Das würde diesem Bild entsprechen.
Wie wird belastende, schmerzhafte Scham erlebt?
Menschen mit Scham fühlen sich oft ohnmächtig bzw. machtlos. Als Folge unterwerfen sie sich anderen bzw. deren geltenden Normen (Massstäben, Regeln, Vorschriften) und passen sich an. Wenn ein Mensch beschämt wird, sich schämt, ist dies ein Gefühl der Verlegenheit oder Blossstellung, das auf Grund von Verletzung der Intimsphäre (z.B. durch Gewalt in jeglicher Form) auftreten oder auf dem Gedanken beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben.
Wenn wir uns schämen, fühlen wir uns ausgeliefert, überfallen oder überrascht. Wir verlieren – meist vorübergehend – unsere Geistesgegenwart und Selbstkontrolle; wir fühlen uns geistig gelähmt oder verwirrt. Wir empfinden uns als unfähig, unzulänglich, minderwertig, hilflos, schwach, machtlos, wertlos, lächerlich, gedemütigt und/oder gekränkt. Die Beziehung zu Mitmenschen wird oft schlagartig abgebrochen; unsere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung richtet sich stark auf uns selbst.
Beispiel:
Online wurde eine Wohnung mit bezahlbarer Miete, Treppenlift, ruhiger Lage, sich an ältere Personen adressierend ausgeschrieben. Anlässlich des Besichtigungstermins wurden den zehn zur Besichtigung eingeladenen Personen ohne Vorstellung der Vermieterschaft, in einem respektarmen fast aggressivem Ton mit eher achtloser Wortwahl eröffnet, dass die ausgeschriebene Wohnung an eine Person mit Behinderung vermietet werden solle, sowie dass es auch jüngere Menschen gäbe, die solch eine bezahlbare Mietwohnung brauchen. Dagegen war nichts einzuwenden. Nur, in der Ausschreibung hätte dies klar benannt werden können. Dann hätten sich einige Interesent:innen die Zeit, den Weg und die Energie sparen können um die Wohnung besichtigen zu kommen. Sie hätten sich diesen demütigenden, beschämenden Moment und die Art und Weise (Wortwahl,Körpersprache) wie Sie angesprochen wurde, nicht einzeln, sondern als Gruppe ersparen können, und die Vermieterschaft hätte von Anfang die Zielgruppe vor sich stehen gehabt, welche sie anscheinend bevorzugte.
Wie reagierten die Anwesenden?
Zwei Personen verliessen sofort den Raum, eine Person sprach den Herrn auf seine Aussagen hin an, die anderen standen still da.
Dies sind typische Reaktionen auf überraschende, enttäuschende und beschämende Situationen bzw. Handlungen. Dr. Stephan Marks beschreibt in seinem Buch 'SCHAM die tabuisierte Emotion' folgende Reaktionen und Verhaltensweisen auf Scham, Beschämung und Fremdscham folgendermassen:
- „Einfrierende“ Reaktionen und Versteck-Impulse
Wir erstarren und verharren im Schmerz. Wir fühlen uns deprimiert, traurig, sind enttäuscht über uns selbst und haben eine geringe Wertschätzung für uns selbst. Wir wollen im Boden versinken, uns verbergen, verstecken oder gar sterben, um nie mehr gesehen zu werden. - Flucht-Impulse
Wir verlassen fluchtartig die Scham auslösende Situation, laufen weg, ziehen uns zurück, isolieren uns und fühlen noch mehr Getrenntheit, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit. - Kampf-Reaktionen
Wir ärgern uns über die in uns Schamgefühle auslösende Person und über uns selbst, werden wütend, aggressiv oder überheblich. Wir haben den Impuls, die Person, die uns beschämt hat, zu beschämen oder anderweitig zu bestrafen.
Wir bedecken oder verbergen unser Gesicht, senken den Kopf oder wenden ihn ab. Wir kneifen die Augen zusammen oder drehen sie weg. Wir schlagen die Augenlider nieder oder senken den Blick, blinzeln schnell mit den Augen oder wir vermeiden den Blickkontakt, der Blick wird unstet.
Wir rollen die Lippen ein, beissen auf die Lippen oder nehmen die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Mundwinkel hängen herab oder zucken. Oder unsere Gesichtszüge „frieren ein“, wir setzen unbewusst eine 'Maske' auf. Je nach Situation kann die Mimik durch den Ausdruck von Ärger, Furcht, Trauer oder Niedergeschlagenheit überlagert werden.
Typischerweise bekommen wir kein Wort oder nur unangebrachte Bemerkungen heraus, wenn wir uns schämen. Wir stottern, lachen verlegen oder beginnen einen Redefluss um die Peinlichkeit zu überdecken.
Formen von Scham
Da sind die Schamgefühle, die dadurch ausgelöst werden, dass man den herrschenden Erwartungen nicht entspricht. Dies kann sich auf den eigenen Körper beziehen (etwa wenn man sich für sein Aussehen schämt) oder auf persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten (etwa wenn man sich dafür schämt Analphabet zu sein). Diese Form von Scham bezeichnet Dr. Stephan Marks als Anpassungs-Scham, welche sich auf die eigene Person bezieht. Ausgelöst wird sie:
- durch Verletzung von Regeln oder Vorschriften, respektloses, unfaires, unangemessenes oder unsportliches Verhalten: Etwa, wenn man zu spät kommt, wenn der Reissverschluss der Hose versehentlich nicht geschlossen ist, wenn das Handy in einer ruhigen Umgebung klingelt.
- durch Mangel an Bildung, Lese-/Schreib-/Rechenschwäche, Versagen, schlechte Schulnoten, Fehler, Nichteinhalten eines Versprechens, durch psychische Probleme umso mehr wenn sie öffentlich sichtbar werden, durch unsicheres Auftreten, Erröten oder wenn Gefühle sichtbar zu werden drohen.
- durch soziale Schwäche wie geringen beruflichen Status, Arbeitslosigkeit, Armut, Hilfsbedürftigkeit, Schulden, Nachgeben oder Verlieren. Unter Jugendlichen zeigt sich diese Scham etwa daran, dass Mitschüler:innen gemobbt werden, die bestimmte „coole“ Statussymbole wie Handy, Kleidung oder Turnschuhe bestimmter Hersteller nicht besitzen.
Häufig ist es auch der eigene Körper, der Schamgefühle auslöst
-durch kurzfristigen Verlust von Kontrolle über den Körper etwa bei Erröten, Stolpern, Stürzen, Ungeschicklichkeiten, Rülpsen, Blähungen, Kontrollverlust über Körperausscheidungen, sich bekleckern u.a.
- durch Krankheiten, körperliche Merkmale (Körpergeruch, abstehende Ohren, auffallende Körpergrösse, sichtbare Beeinträchtigungen, Auswirkungen unsichtbarer Beeinträchtigungen).
- durch Körperbau, schlechte Sportleistungen, Übergewicht, verminderte Leistungsfähigkeit.
- wenn jemand das Gefühl hat, dem herrschenden Schönheitsideal nicht zu entsprechen.
- wenn jemand in einer rassistischen Gesellschaft die „falsche“ Hautfarbe hat.
Im Unterschied zum Anpassungs-Scham bezieht sich Gruppen-Scham („fremdschämen“) auf andere Personen, etwa wenn man sich für ein krankes oder beeinträchtigtes Familienmitglied schämt. Ausgelöst werden kann Gruppen-Scham
- durch die Nähe oder Zugehörigkeit zu einer Person oder Familie, vor allem wenn diese „mit Schande behaftet“ ist. So schämt sich mensch z.B. für die mangelnde Bildung oder die Armut der Eltern, für die „verrückte“ oder geschiedene Tante oder für das „schwarze Schaf“, den Versager, Straftäter, psychisch oder körperlich Kranken und sein Benehmen;
- oder durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Nation, die mit Schande behaftet ist.
Auch die mitgefühlte oder empathische Scham bezieht sich auf andere Personen. Wir fühlen mit, wenn wir Zeug:in der Beschämung eines Mitmenschen werden, etwa wenn ein Mensch erniedrigt wird. Mitgefühlte oder empathische Scham befähigt uns zu Mitgefühl, Solidarität und Freundschaft. Sie treibt uns an, Schwachen beizustehen, sie zu schützen oder zu verteidigen.
Eine weitere Ausprägung der Scham ist, die Schamhaftigkeit oder Intimitäts-Scham. Sie hat die Aufgabe, die eigene Privatsphäre gegenüber anderen zu schützen (z.B. indem wir persönliche Gefühle nicht in die Öffentlichkeit hinausposaunen).
Intimitäts-Scham oder Schamhaftigkeit hat die Aufgabe, die körperlichen und seelischen Grenzen und die Identität des Menschen zu wahren. Dies geschieht durch Bedeckung von intimen Körperregionen oder durch Kontrolle dessen, was wir über uns preisgeben. Verletzt wird die Intimitäts-Scham wenn unsere Würde verletzt wird, z.B. durch den Missbrauch von Macht etwa durch öffentliche Blossstellung, Anprangerung, Mobbing, Geringschätzung, Kritik „unter der Gürtellinie“, Erniedrigung, Beschämung, Verachtung, Gewalt oder Respektlosigkeit.
Oder wenn wir ausgeschlossen oder wie Luft behandelt (soziale Ausgrenzung bzw. Ostrazismus), abgestempelt, angestarrt, ungewollt ausgestellt, verspottet, blamiert, lächerlich oder zu einem Objekt oder einer Zahl gemacht werden.
Die Angst, aufgrund eines Versagens beschämt zu werden, kann auch in der Vorstellung vorweggenommen werden, etwa als Lampenfieber, Prüfungsangst oder in Bezug auf Versagen in Beziehungen.
Wir schützen unsere Eigenart, unsere persönlichen Gedanken, Gefühle oder Fantasien, unser Anders-Sein, „halten uns bedeckt“.
Zu viel von der Scham kann auch ungünstig sein, etwa körperlich: Wenn z.B. eine Untersuchung beim Arzt zur Früherkennung aus Scham hinausgezögert wird. Oder seelisch: Wenn wir uns so sehr „bedeckt“ halten, dass keine Begegnung mit anderen Menschen mehr möglich ist.
Wenn die Privatsphäre oder Würde in traumatischer Weise durch andere Menschen verletzt wurde - etwa durch Missbrauch oder Gewalt auf der emotionalen, mentalen, körperlichen, psychischen, körperlichen oder spirituellen Ebene - bleibt bei Opfern traumatische Scham zurück. Bei dieser Form von Scham, welche eine Verletzung auf seelischer Ebene ist, verankert sich die Überzeugung unzulänglich, unvollkommen, nicht richtig oder ein Fehler zu sein. Diese Überzeugung wiederum geht über in kein Selbstwertgefühl mehr verspüren. Chronischer Selbstzweifel, stetig zunehmende Selbstkritik, Selbst-Verurteilung und den Glauben an seine Fähigkeiten und seinen Wert verlieren 'krönen' diesen bedrückenden Verlauf, welcher zum Dauerzustand von sich minderwertig und defekt fühlen kann, und bis hin zu emotionalem und sozialem Rückzug und zu Angst vor Ablehnung oder Verurteilt werden führen kann, sobald sich mensch mit seinen Anteilen zeigt.
Die eben beschriebenen Schamgefühle unterscheiden sich von den Gefühlen der Täter:innen, die sich für ihr Handeln schämen: Diese Schamgefühle nennt Stephan Marks Gewissens- oder moralische Scham. Die Gewissens- oder moralische Scham meldet sich, wenn wir nicht in Übereinstimmung mit unserem Gewissen und mit Ehrfurcht und Respekt gehandelt haben.
Gewissens-Scham tritt also auf:
- wenn wir gegen unser Gewissen gehandelt haben;
- wenn wir unsere eigenen Ideale oder unsere Würde verletzt haben;
- wenn wir unsere Menschlichkeit aufgegeben haben;
- wenn wir uns materiell, politisch oder seelisch haben korrumpieren lassen
(z.B. ein entwürdigendes Arbeitsverhältnis aufrechterhalten haben);
- wenn wir unseren Lebenssinn verfehlen;
- wenn wir einem Mitmenschen die Hilfe verweigern, nicht mit Zivilcourage gehandelt haben.
Gewissens-Scham erinnert uns zudem auch an unversöhnte Schuld. Beispielsweise wenn wir einen Menschen verletzt und geschädigt haben, genügt es nicht, uns dafür zu schämen. Notwendig ist es auch, diesen Menschen um Verzeihung zu bitten und die Schuld wiedergutzumachen.
Als zum Umfeld von Menschen zählend, welche von toxischer Scham betroffen sind, ist es mir ein Anliegen auf diese Form von Scham einzugehen. Ich und andere haben über viele Jahre miterlebt, dass man alles Erdenkliche tun und aufbauen kann, um zu vermeiden, dass ein Mensch in seinen ersten Lebensjahren aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht immer wieder negative Erfahrungen machen muss (demütigende Kritik weil 'Leistungen' nicht wie erwartet erbracht werden können; Unterstellungen was dieser Mensch alles angeblich mache/gemacht haben solle und es ihm deshalb schlecht ginge; Missbrauch auf verschiedenen Ebenen, weil sich sprachlich zur Wehr setzen nicht so leicht gelang/gelingt; von Aussenstehenden, Lehrkräften oder Auszubildenden gesagt bekommen man sei dumm, falsch, defekt oder falsch am Platz u.a.m.).
Dies hinterliess eine immer tiefer werdene Glaubens-Spur in diesem Menschen des falsch, schlecht und unwürdig sein. Alles Benennen von dessen Qualitäten gegenüber den betroffenen Menschen, die deren Einschränkungen und Beeinträchigung überragen, kamen irgendwann nicht mehr durch und an. Zu dick war und ist die Packeis-Mauer schon. Diese Menschen begannen sich in selbstzerstörerischen Verhaltensweisen festzufahren, und kämpfen heute, wie so viele andere Betroffene auch damit sich wertlos, gebrochen, kaputt zu fühlen. Nachdem diese Menschen ihre angeblichen Schwächen und Unvollkommenheiten mit Überanpassung oder Aggression und Perfektionismus versuchten zu kaschieren, damit jedoch auch immer wieder Niederlagen einstecken mussten, gingen sie vermehrt in den emotionalen und dann sozialen Rückzug über. All dies verursacht auch gesundheitliche Probleme, für die zu lösen fast keine Kraft mehr mobilisierbar zu sein scheint.
Gelingt es aber therapeutisch/beratend tätigen Menschen empathisch vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, kann es gelingen, dass ein von toxischer Scham betroffener Mensch seinen grundsätzlichen Wert wieder anerkennt, und zurück in sein eigenes Leben und zur Selbst-Wertschätzung findet.
Worüber ich eigentlich bis jetzt noch nicht viel zum Lesen gefunden habe ist zur transgenerationalen Scham. Häufig sind mir während Begleitungen und Coachings Menschen begegegnet, welche sich nicht erklären konnten, weshalb sie sich in bestimmten Situationen und Themenfelder derart intensiv mit Schamgefühlen konfrontiert erlebten. Über das punktgenaue kinesiologische Testen mit dem Omura-Testverfahren zeigte sich jedoch häufig, sobald Trigger 'aufgespürt' worden waren sowie auf der Zeitlinie getestet wurden, dass diese Testungsergebnisse gar nicht die eigene Vergangenheit betrafen, sondern sich auf 'bis weit nach hinten' in die Ahn:innen-Linien bezogen. Beschäftigt man sich mit Literatur zu transgenerationalen Traumata erstaunt diese wiederkehrende Feststellung von transgenerationaler Scham nicht. Denn bei transgenerationaler Traumata geht es um seelische Verletzungen und Belastungen früherer Generationen, welche bei Nachkommen verschiedenste Symptome auslösen können, obwohl diese die Traumata nicht selber erlebt haben. Die Weitergabe von transgenerationaler Traumata erfolge gemäss Literatur durch Verhalten, Kommunikation, emotionale Muster sowie möglicherweise auch epigenetisch, nämlich durch Vererbung von Stressreaktionen. Damit liesse sich erklären, wie es zu solchen Testergebnissen im Zusammenhang mit Scham in der Ahn:innen-Linie kommen kann. Ich würde mir wünschen, dass gerade diese Form von Scham mit Studien und Forschung weiter vertieft würde. Dies könnte auch ein Beitrag dazu sein, dass die Würde jedes Menschen, sowohl von jenen, die schon gegangen sind, als auch von jenen, die jetzt leben und jenen, die noch kommen, bewusster geachtet und geschützt würde und wäre.
Nachfolgend beschreibe ich Selbsthilfe-Werkzeuge, welche Ihnen dabei helfen können, Belastungen im Zusammenhang mit Scham erträglicher zu bekommen, zu reduzieren oder vielleicht sogar abzubauen.
Sind Sie oder Menschen in Ihrem Umfeld von gravierender Scham-Belastung betroffen, bitte ich Sie, sich an eine medizinische Fachperson zu wenden.
- Thymus berühren oder klopfen:
Dies wird angewendet um eine Situation und/oder Emotion umgehend emotional erträglicher zu bekommen.
Anwendung: Sie berühren (das können Sie überall unauffällig tun) mit Ihrer rechten Hand einen bei Drücken leicht empfindlichen Punkt ca. in der Mitte der Brust ungefähr auf der Höhe der Brustwarzen. Sie können diesen Punkt auch klopfen, aber bitte achtsam und maximal sieben Mal und Pause einlegen. Diesen Vorgang können Sie in dieser Art so lange wiederholen bis Sie sich wieder stabiler fühlen. - Tiefenatmung:
Beruhigung, Entspannung
Anwendung: Sie atmen tief ein und zählen dabei bis 4. Sie atmen tief aus und zählen dabei bis 7. - Aufrechte Körperhaltung:
Eine aufrechte Körperhaltung hilft weiteren Verspannungen entgegen zu wirken bzw. diese abzubauen. Zudem und wichtig, eine aufgerichtete Körperhaltung vermittelt Ihrem Nervensystem, dass Sie sich sicher und kompetent fühlen, dass Sie sich selber mögen und wertschätzen.
Anwendung: Richten Sie sich auf (im Stehen oder Sitzen), die Schulterblätter ziehen Sie nach hinten Richtung Mitte der Wirbelsäule, Ihr Brustkorb geht nach vorne und Sie heben Ihren Kopf an. - Erdung:
Wenn Sie geerdet sind, stehen Sie wohler im Leben, empfinden Sie mehr Wohl-Stand. Sie fühlen sich stabiler und sicherer und spüren Vertrauen in sich selber.
Anwendung: Ihre Atmung erfolgt über den Mund. Sie stellen die Füsse hüftbreit auseinander, die Knie sind leicht gebeugt. Nun lassen Sie den Oberkörper und Kopf locker nach vorne hinunter hängen. Die Hände berühren den Boden nicht. Ihre Arme können leich schwingen und/oder Ihr Körper kann sich kreisend bewegen, pendeln. Das ist alles okay. - Bilaterale Hemisphärenstimulation, der „Butterfly“:
Damit erreichen wir ein Gefühl/eine Emotion neuronal, also im zentralen Nervensystem (Gehirn) „verarbeitbar“ zu bekommen, was bedeutet, dass damit Stress im Limbischen System (Emotionen-Hirn) durch die Reduktion der Ausschüttung von Stresshormonen abgebaut werden kann.
Anwendung: Variante 1: Sie bringen Ihre Hände mit Ihren über Ihrer Brust gekreuzten Armen zu Ihren Schultern und klopfen rasch und abwechslnd Ihre Schultern. Variante 2: Sie überkreuzen Ihre Arme und klopfen sich rasch und abwechslungsweise auf Ihre Knie.
Sie werden ein tieferes Atmen bzw. Durchatmen wahrnehmen, möglicherweise müssen Sie auch gähnen. - Präsenzübung „Ich bin da“:
Diese Praxis hilft in der eigenen Kraft und mit sich in Kontakt zu bleiben oder wieder hinein zu gelangen, und aus der Präsenz heraus auf herausfordernde Situationen, Erfahrungen, Emotionen reagieren zu können. Diese schlichte, jedoch überall leicht einsetzbare Anwendung wird auch HHN-Achse-Beruhigung genannt.
Anwendung: Sie bringen Ihre rechte Hand auf Ihre Herzzone und die linke Hand auf Ihre Bauchzone und atmen regelmässig und tief ein und aus. Diese Anwendung hilft übrigens auch um leichter einschlafen zu können. - Einen Kraft-Anker feuern:
Das Nervensystem bzw. der ganze Körper wird wieder mit stärkenden bio-chemischen Botenstoffen (Hormonen) versorgt und in einen ruhigeren, gelasseneren Zustand zurückgeführt.
Anwendung: Sie erinnern eine Situation, einen Moment, eine Erfahrung, in welcher Sie sich sicher, geborgen, akzeptiert, verbunden und wohl gefühlt haben. Sie gehen voll in diese Erinnerung, sowohl visuell (was haben Sie damals alles gesehen), als auch auditiv (welche Geräusche, Stimmen, Worte hörten Sie?), kinästhetisch (welche Bewegungen, Tätigkeiten kommen vor?), olfaktorisch/gustatorisch (gab/gibt es zu Ihrer guten Erfahrung einen Geruch oder Geschmack in Ihrem Mund?).
Sie tauchen tief in die Erinnerung und die entsprechenden Sinneswahrnehmungen ein und kreisen gleichzeitig nach Belieben den Daumen Ihrer linken oder rechten Hand.
Auf diese Art können Sie so viele Kraft-Erfahrungen/Erinnerungen wie Sie möchten auf den selben Daumen 'stapeln'.
Sobald Sie in eine irritierende, destabilisierende Situation geraten, können Sie diskret Ihren mit Kraft-Anker-Erfahrungen "bestapelten" Daumen kreisen. Ihr Körpersystem bzw. Hormonsystem wird Sie augenblicklich wieder in den verankerten, kraftvollen Zustand zurückbringen. - Hinderliche Schamgefühle durch positive Selbstreflektion entkräften:
Anwendung: Fragen Sie sich: Was ist gut, schön, liebenswert, wertvoll an mir? Was habe ich Gutes getan? Wem konnte ich eine Hilfe sein? Was ist Schönes aus meinem Handeln entstanden? Wo habe ich etwas mehr Licht in diese Welt gebracht?
Bestimmt kommen Ihnen noch weitere Fragen dieser Art in den Sinn. Viel Freude damit!
Mögen wir mit mehr Bewusstsein für die Emotion Scham und unserem eigenen Bezug zu dieser Emotion mit bewirken, dass wir bewusster unsere eigene und die Würde jedes Menschen achten und schützen, und damit dazu beitragen, dass es allen von Moment zu Moment in jeder Hinsicht (wieder) besser und besser geht.
Quellen und Literatur
- Dr. Stephan Marks: SCHAM die tabuisierte Emotion, 2. Auflage 2009, (c)2007 Patmos Verlag GmbH & Co KG, Düsseldorf
- Harald Requardt: Skript zum 13. Fachvortrag "Scham erkennen, verstehen - und zum Thema machen" (PDF)
- balancerehabclinic.de/traumatische-scham/
- traumaintegration.de/die-komponenten-der-emotion-scham/
- Sylvia Christine Trächslin: Würde
- Sylvia Christine Trächslin: Holen Sie sich Hilfe! - Hol dir Hilfe!