Scham
In der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft der BV-Artikel 7 lautet der erste Artikel bei den Grundrechten "Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen"
Sich mit Scham zu befassen, sich diesbezüglich selber aber auch Situationen ehrlich zu reflektieren, darüber nachzudenken was Scham, Beschämung, Fremdschämen überhaupt bedeutet und beinhaltet hat heute eine hohe Prisanz und ist grundlegend, wenn die Würde des Menschen geachtet und geschützt werden möchte.
Die Würde und somit die basale Gesundheit und Zukunft unseres Planeten, der jetzigen Generation und künftiger Generationen stehen auf dem Spiel, hängen davon ab, in wie fern wir es als Gesellschaft, Zivilisation (endlich) schaffen, uns einzugestehen, dass wir Scham, Beschämung und Fremdschämen erfahren (haben) beziehungsweise sehr gut kennen, sowie, dass Scham eine der schmerzhaftesten Emotionen überhaupt ist, schier unerträglich, so dass sie, als Selbstschutz, weggedrückt, eingefroren werden muss und wird, immer wieder, manchmal so lange bis ein Mensch, ja auch kulturelle Gruppierungen resignieren und in Depressionen geraten, manchmal versucht oder umgesetzt wird Suizid zu begehen. Professor Dr. Ashok Riehm beschreibt auf seinem Youtube-Kanal, Ausgabe vom 25. Dezember 2025 mit Titel Scham als "Gefrierschrank" der Aggression. Ich finde auch diese Aussage sehr treffend, dies weil ich feststelle, dass Menschen bei denen Scham wieder intensiv getriggert wird/wurde, oft aussagen, dass sie so kalt haben, am Frieren sind von Innen nach Aussen.
Persönliche Erfahrungen und das von Menschen Geschilderte und Erlebte in der Arbeit sowohl im Frauenhaus beider Basel, Besuchsdienst Basel und an anderen Stellen als auch in der Praxisarbeit führten dazu, mich bewusst mit der Emotion Scham zu beschäftigen. Somit basieren die folgenden Textabschnitte einerseits auf persönlichen und beruflichen Erfahrungen sowie jahrelanger (Selbst-) Reflektionsarbeit, sowie auf Recherchen und Zusammenfassungen von Fachliteratur.
Im Folgenden gehe ich auf Erfahrungen mit von Scham Betroffenen, Beobachtungen, Wahrnehmungen und Erscheinungsbilder bei Scham sowie auf verschiedene Formen von Scham ein.
Menschen mit Scham fühlen sich oft ohnmächtig bzw. machtlos. Als Folge unterwerfen sie sich anderen bzw. deren geltenden Normen (Massstäben, Regeln, Vorschriften) und passen sich an.
Wenn ein Mensch beschämt wird, sich schämt, ist dies ein Gefühl der Verlegenheit oder Blossstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre (z.B. durch Gewalt in jeglicher Form) auftreten oder auf dem Gedanken beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben. (Quelle: www.wikipedia.de)
Nehmen wir diese beiden Aussagen und verknüpfen wir sie miteinander, könnte der Eindruck entstehen in einem Hamsterrad zu rennen, aus welchem es kein Entrinnen zu geben scheint. Oft fühlt es sich doch auch so an, oft fühlt man gar nichts mehr.
Wie-Fragen können jedoch helfen einen Ausgang aus diesem Hasterrad zu finden. So beispielsweise die Frage
"Wie können Sie mit den durch Scham, Beschämung, Fremdschämen hervorgerufenen Stressqualitäten wie Angst, Wut, Aggressionen, Ekel, Trauer etc. umgehen?" Mögliche Antworten könnten sein:
1. Informieren Sie sich über Scham und Schamgefühle, und erkennen und verstehen Sie sich selber und andere mehr. Ihr Verständnis und Ihre zunehmendes Mitgefühl für sich selber hilft dann nicht alleine Ihnen, sondern Sie bringen automatisch auch anderen Betroffenen Verständnis und Mitgefühl entgegen, was anderen wiederum dabei weiterhelfen kann, sich ebenso mit ihrer Scham-Betroffenheit zu befassen.
2. Entkräftigen Sie hinderliche Schamgefühle durch positive Selbstreflektion: Was ist gut, schön, liebenswert, wertvoll an Ihnen? Wenn das nicht hilft oder Sie das Gefühl haben alleine nicht weiterzukommen, wenden Sie sich bitte an eine Person Ihres Vertrauens und/oder holen Sie sich Hilfe bei einer Fachperson, die mit therapeutisch-systemischen Ansätzen wie beispielsweise der bilateralen Hemisphärenstimulation bzw. EMDR arbeitet.
Dabei ist es gut sich bewusst zu machen, dass auch der Schritt in einen Coaching- oder therapeutischen Prozess Scham auslösen kann, insbesondere weil man denken könnte, dass man zu schwach, zu dumm oder nicht genug war/tat, um seine Probleme selber zu lösen.
Dies führt mich weiter zur Frage Wie wird Scham erlebt?
Ich beziehe mich im Folgenden auf Dr. Stephan Marks, der mir das Thema, die Emotion Scham in den Nuller-Jahren mit seinem Buch SCHAM die tabuisierte Emotion näher ins Bewusstsein gebracht hatte. Des Weiteren werde ich auch Erkenntnisse und Beschreibungen anderer Fachpersonen in den folgenden Text einfliessen lassen und dies entsprechend benennen.
Wenn wir uns schämen, fühlen wir uns ausgeliefert, überfallen oder überrascht. Wir verlieren – meist vorübergehend – unsere Geistesgegenwart und Selbstkontrolle; wir fühlen uns geistig gelähmt oder verwirrt. Wir empfinden uns als unfähig, unzulänglich, minderwertig, hilflos, schwach, machtlos, wertlos, lächerlich, gedemütigt und/oder gekränkt. Die Beziehung zu Mitmenschen wird oft schlagartig abgebrochen; unsere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung richtet sich stark auf uns selbst.
Ein jüngst selber erlebtes Beispiel:
Online wurde eine Wohnung mit bezahlbarer Miete, Treppenlift, ruhiger Lage, adressiert an ältere Personen ausgeschrieben. Anlässlich des Besichtigungstermins wurden den zehn zur Besichtigung zugelassenen Personen ohne Vorstellung der die Vermieterschaft vertretenden Person, in einem respektarmen fast aggressivem Ton mit wenig achtsamer Wortwahl eröffnet, dass die ausgeschriebene Wohnung an eine Person mit Behinderung vermietet werden solle, und dass es auch jüngere Menschen gäbe, die solch eine Wohnung brauchen.
Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Nur in der Ausschreibung hätte dies klar benannt werden können, statt sich explizit an ältere Personen zu richten, die es eh schon schwer haben eine bezahlbare Mietwohnung zu finden bzw. mieten zu können. Wenn eine Wohnung für ältere Personen ausgeschrieben wird ohne Erwähnung, dass nur Interessenten berücksichtigt werden, welche in irgendeiner Form eine Beeinträchtigung haben, vermutlich in der Mobilität, geht es nicht an, diese wenn sie zur Wohnungsbesichtigung erscheinen in nicht wertschätzender Wortwahl und Körpersprache abzuwerten, in ihrer Würde zu ritzen, sie zu beschämen.
Wie reagierten die anwesenden Wohnungs-Interessenten?
Zwei Personen verliessen umgehend den Raum, eine Person sprach den Herrn direkt auf seine Aussagen hin an, die anderen standen wie eingefroren da.
Dies sind bekannte Reaktionen auf beschämende Situationen und/oder Handlungen. Im Folgenden beschreibe ich, basierend auf dem Buch 'SCHAM die tabuisierte Emotion', weitere Reaktionsweisen samt dazugehörenden Gedanken:
Wir bedecken oder verbergen unser Gesicht, senken den Kopf oder wenden ihn ab. Wir kneifen die Augen zusammen oder drehen sie weg. Wir schlagen die Augenlider nieder oder senken den Blick, blinzeln schnell mit den Augen oder wir vermeiden den Blickkontakt, der Blick wird unstet.
Wir rollen die Lippen ein, beissen auf die Lippen oder nehmen die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Mundwinkel hängen herab oder zucken. Oder unsere Gesichtszüge „frieren ein“, wir setzen unbewusst eine 'Maske' auf. Je nach Situation kann die Mimik durch den Ausdruck von Ärger, Furcht, Trauer oder Niedergeschlagenheit überlagert werden.
Typischerweise bekommen wir kein Wort oder nur unangebrachte Bemerkungen heraus, wenn wir uns schämen. Wir stottern, lachen verlegen oder beginnen einen Redefluss um die Peinlichkeit zu überdecken.
Stephan Marks beschreibt sechs Formen von Scham, welche sich folgendermassen unterscheiden lassen:
Da sind die Schamgefühle, die dadurch ausgelöst werden, dass man den herrschenden Erwartungen nicht entspricht. Dies kann sich auf den eigenen Körper beziehen (etwa wenn man sich für sein Aussehen schämt) oder auf persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten (etwa wenn man sich dafür schämt Analphabet zu sein). Diese Form von Scham bezeichnet Dr. Stephan Marks als Anpassungs-Scham. Diese Form von Scham bezieht sich auf die eigene Person. Ausgelöst wird sie:
- durch Verletzung von Regeln oder Vorschriften, respektloses, unfaires, unangemessenes oder unsportliches Verhalten. Etwa, wenn man zu spät kommt, wenn der Reissverschluss der Hose versehentlich nicht geschlossen ist, wenn das Handy in einer ruhigen Umgebung klingelt.
- durch Mangel an Bildung, Lese-/Schreib-/Rechenschwäche, Versagen, schlechte Noten, Fehler, Nichteinhalten eines Versprechens, durch psychische Probleme umso mehr wenn sie öffentlich sichtbar werden, durch unsicheres Auftreten, Erröten oder wenn Gefühle sichtbar zu werden drohen.
- durch soziale Schwäche wie geringen beruflichen Statuts, Arbeitslosigkeit, Armut, Hilfsbedürftigkeit, Schulden, Nachgeben oder Verlieren. Unter Jugendlichen zeigt sich diese Scham etwa daran, dass Mitschüler gemobbt werden, die bestimmte „coole“ Statussymbole wie Handy, Kleidung oder Turnschuhe bestimmter Hersteller nicht besitzen.
Häufig ist es der eigene Körper, der Schamgefühle auslöst
-durch kurzfristigen Verlust von Kontrolle über den Körper etwa bei Erröten, Stolpern, Stürzen, Ungeschicklichkeiten, Rülpsen, Blähungen, sich bekleckert haben u.a.
- durch Krankheiten, körperliche Merkmale (Körpergeruch, abstehende Ohren, auffallende Körpergrösse oder durch sichtbare Behinderungen).
- Körperbau, schlechte Sportleistungen, Übergewicht, verminderte Leistungsfähigkeit.
- wenn jemand das Gefühl hat, dem herrschenden Schönheitsideal nicht zu entsprechen.
- wenn jemand in einer rassistischen Gesellschaft die „falsche“ Hautfarbe hat.
Im Unterschied zum Anpassungs-Scham bezieht sich Gruppen-Scham („fremdschämen“) auf andere Personen, etwa wenn man sich für ein krankes Familienmitglied schämt. Ausgelöst werden kann Gruppen-Scham
- durch die Nähe oder Zugehörigkeit zu einer Person oder Familie, vor allem wenn diese „mit Schande behaftet“ ist. So schämt sich frau z.B. für die mangelnde Bildung oder die Armut der Eltern, für die „verrückte“ oder geschiedene Tante oder für das „schwarze Schaf“, den Versager, Straftäter, psychisch oder körperlich Kranken und sein Benehmen.
- durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Nation, die mit Schande behaftet ist.
Auch die mitgefühlte oder empathische Scham bezieht sich auf andere Personen. Wir fühlen mit, wenn wir Zeug:in der Beschämung eines Mitmenschen sind bzw. werden, etwa wenn ein Mensch erniedrigt wird. Mitgefühlte oder empathische Scham befähigt uns zu Mitgefühl, Solidarität und Freundschaft. Sie treibt uns an, Schwachen beizustehen, sie zu schützen oder zu verteidigen.
Eine weitere Ausprägung der Scham ist, die Schamhaftigkeit oder Intimitäts-Scham. Sie hat die Aufgabe, die eigene Privatsphäre gegenüber andren zu schützen (z.B. indem wir persönliche Gefühle nicht in die Öffentlichkeit hinausposaunen).
Intimitäts-Scham oder Schamhaftigkeit hat die Aufgabe, die körperlichen und seelischen Grenzen und die Identität des Menschen zu wahren. Dies geschieht durch Bedeckung von intimen Körperregionen oder durch Kontrolle dessen, was wir über uns preisgeben. Verletzt wird die Intimitäts-Scham wenn unsere Würde verletzt wird, z.B. durch den Missbrauch von Macht etwa durch öffentliche Blossstellung, Anprangerung, Mobbing, Geringschätzung, Kritik „unter der Gürtellinie“, Erniedrigung, Beschämung, Verachtung, Gewalt oder Respektlosigkeit. Oder wenn wir ausgeschlossen oder wie Luft behandelt (soziale Ausgrenzung bzw. Ostrazismus), abgestempelt, angestarrt, ungewollt ausgestellt, verspottet, blamiert, lächerlich oder zu einem Objekt oder einer Zahl gemacht werden. Die Angst, aufgrund eines Versagens beschämt zu werden, kann auch in der Vorstellung vorweggenommen werden, etwa als Lampenfieber, Prüfungsangst oder in Bezug auf Versagen in Beziehungen.
Wir schützen unsere Eigenart, unsere persönlichen Gedanken, Gefühle oder Fantasien, unser Anders-Sein, „halten uns bedeckt“.
Zu viel von der Scham kann auch ungünstig sein, etwa körperlich: Wenn z.B. eine Untersuchung beim Arzt zur Früherkennung aus Scham hinausgezögert wird. Oder seelisch: Wenn wir uns so sehr „bedeckt“ halten, dass keine Begegnung mit anderen Menschen mehr möglich ist.
Wenn die Privatsphäre oder Würde in traumatischer Weise durch andere Menschen verletzt wurde - etwa durch Missbrauch oder Gewalt auf der emotionalen, psychischen, spirituellen oder körperlichen Ebene - bleibt bei Opfern traumatische Scham zurück.
Diese Schamgefühle sind verschieden von den Gefühlen einer Täterin/eines Täters, der sich für ihr/sein Handeln schämt, diese nennt Stephan Marks Gewissens- oder moralische Scham. Die Gewissens- oder moralische Scham meldet sich, wenn wir nicht in Übereinstimmung mit unserem Gewissen, mit Ehrfurcht und Respekt gehandelt haben, Gefühle von Gewissens-Scham treten auf:
- wenn wir gegen unser Gewissen gehandelt haben;
- wenn wir unsere eigenen Ideale oder unsere Würde verletzt haben;
- wenn wir unsere Menschlichkeit aufgegeben haben;
- wenn wir uns materiell, politisch oder seelisch haben korrumpieren lassen
(z.B. ein entwürdigendes Arbeitsverhältnis aufrechterhalten haben);
- wenn wir unseren Lebenssinn verfehlen;
- wenn wir einem Mitmenschen die Hilfe verweigern,nicht mit Zivilcourage gehandelt haben.
Gewissens-Scham erinnert uns an unversöhnte Schuld. Wenn wir z.B. einen Menschen geschädigt haben, genügt es nicht, uns dafür zu schämen. Notwendig ist es auch, diesen Menschen um Verzeihung zu bitten und die Schuld wiedergutzumachen.
Hilfreiche Werkzeuge um autonom Scham und Schamgefühle zu reduzieren oder abzubauen sind
Quellenverzeichnis / Weiterführende Informationen zum Thema Scham
Sich mit Scham zu befassen, sich diesbezüglich selber aber auch Situationen ehrlich zu reflektieren, darüber nachzudenken was Scham, Beschämung, Fremdschämen überhaupt bedeutet und beinhaltet hat heute eine hohe Prisanz und ist grundlegend, wenn die Würde des Menschen geachtet und geschützt werden möchte.
Die Würde und somit die basale Gesundheit und Zukunft unseres Planeten, der jetzigen Generation und künftiger Generationen stehen auf dem Spiel, hängen davon ab, in wie fern wir es als Gesellschaft, Zivilisation (endlich) schaffen, uns einzugestehen, dass wir Scham, Beschämung und Fremdschämen erfahren (haben) beziehungsweise sehr gut kennen, sowie, dass Scham eine der schmerzhaftesten Emotionen überhaupt ist, schier unerträglich, so dass sie, als Selbstschutz, weggedrückt, eingefroren werden muss und wird, immer wieder, manchmal so lange bis ein Mensch, ja auch kulturelle Gruppierungen resignieren und in Depressionen geraten, manchmal versucht oder umgesetzt wird Suizid zu begehen. Professor Dr. Ashok Riehm beschreibt auf seinem Youtube-Kanal, Ausgabe vom 25. Dezember 2025 mit Titel Scham als "Gefrierschrank" der Aggression. Ich finde auch diese Aussage sehr treffend, dies weil ich feststelle, dass Menschen bei denen Scham wieder intensiv getriggert wird/wurde, oft aussagen, dass sie so kalt haben, am Frieren sind von Innen nach Aussen.
Persönliche Erfahrungen und das von Menschen Geschilderte und Erlebte in der Arbeit sowohl im Frauenhaus beider Basel, Besuchsdienst Basel und an anderen Stellen als auch in der Praxisarbeit führten dazu, mich bewusst mit der Emotion Scham zu beschäftigen. Somit basieren die folgenden Textabschnitte einerseits auf persönlichen und beruflichen Erfahrungen sowie jahrelanger (Selbst-) Reflektionsarbeit, sowie auf Recherchen und Zusammenfassungen von Fachliteratur.
Im Folgenden gehe ich auf Erfahrungen mit von Scham Betroffenen, Beobachtungen, Wahrnehmungen und Erscheinungsbilder bei Scham sowie auf verschiedene Formen von Scham ein.
Menschen mit Scham fühlen sich oft ohnmächtig bzw. machtlos. Als Folge unterwerfen sie sich anderen bzw. deren geltenden Normen (Massstäben, Regeln, Vorschriften) und passen sich an.
Wenn ein Mensch beschämt wird, sich schämt, ist dies ein Gefühl der Verlegenheit oder Blossstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre (z.B. durch Gewalt in jeglicher Form) auftreten oder auf dem Gedanken beruhen kann, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen zu haben. (Quelle: www.wikipedia.de)
Nehmen wir diese beiden Aussagen und verknüpfen wir sie miteinander, könnte der Eindruck entstehen in einem Hamsterrad zu rennen, aus welchem es kein Entrinnen zu geben scheint. Oft fühlt es sich doch auch so an, oft fühlt man gar nichts mehr.
Wie-Fragen können jedoch helfen einen Ausgang aus diesem Hasterrad zu finden. So beispielsweise die Frage
"Wie können Sie mit den durch Scham, Beschämung, Fremdschämen hervorgerufenen Stressqualitäten wie Angst, Wut, Aggressionen, Ekel, Trauer etc. umgehen?" Mögliche Antworten könnten sein:
1. Informieren Sie sich über Scham und Schamgefühle, und erkennen und verstehen Sie sich selber und andere mehr. Ihr Verständnis und Ihre zunehmendes Mitgefühl für sich selber hilft dann nicht alleine Ihnen, sondern Sie bringen automatisch auch anderen Betroffenen Verständnis und Mitgefühl entgegen, was anderen wiederum dabei weiterhelfen kann, sich ebenso mit ihrer Scham-Betroffenheit zu befassen.
2. Entkräftigen Sie hinderliche Schamgefühle durch positive Selbstreflektion: Was ist gut, schön, liebenswert, wertvoll an Ihnen? Wenn das nicht hilft oder Sie das Gefühl haben alleine nicht weiterzukommen, wenden Sie sich bitte an eine Person Ihres Vertrauens und/oder holen Sie sich Hilfe bei einer Fachperson, die mit therapeutisch-systemischen Ansätzen wie beispielsweise der bilateralen Hemisphärenstimulation bzw. EMDR arbeitet.
Dabei ist es gut sich bewusst zu machen, dass auch der Schritt in einen Coaching- oder therapeutischen Prozess Scham auslösen kann, insbesondere weil man denken könnte, dass man zu schwach, zu dumm oder nicht genug war/tat, um seine Probleme selber zu lösen.
Dies führt mich weiter zur Frage Wie wird Scham erlebt?
Ich beziehe mich im Folgenden auf Dr. Stephan Marks, der mir das Thema, die Emotion Scham in den Nuller-Jahren mit seinem Buch SCHAM die tabuisierte Emotion näher ins Bewusstsein gebracht hatte. Des Weiteren werde ich auch Erkenntnisse und Beschreibungen anderer Fachpersonen in den folgenden Text einfliessen lassen und dies entsprechend benennen.
Wenn wir uns schämen, fühlen wir uns ausgeliefert, überfallen oder überrascht. Wir verlieren – meist vorübergehend – unsere Geistesgegenwart und Selbstkontrolle; wir fühlen uns geistig gelähmt oder verwirrt. Wir empfinden uns als unfähig, unzulänglich, minderwertig, hilflos, schwach, machtlos, wertlos, lächerlich, gedemütigt und/oder gekränkt. Die Beziehung zu Mitmenschen wird oft schlagartig abgebrochen; unsere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung richtet sich stark auf uns selbst.
Ein jüngst selber erlebtes Beispiel:
Online wurde eine Wohnung mit bezahlbarer Miete, Treppenlift, ruhiger Lage, adressiert an ältere Personen ausgeschrieben. Anlässlich des Besichtigungstermins wurden den zehn zur Besichtigung zugelassenen Personen ohne Vorstellung der die Vermieterschaft vertretenden Person, in einem respektarmen fast aggressivem Ton mit wenig achtsamer Wortwahl eröffnet, dass die ausgeschriebene Wohnung an eine Person mit Behinderung vermietet werden solle, und dass es auch jüngere Menschen gäbe, die solch eine Wohnung brauchen.
Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Nur in der Ausschreibung hätte dies klar benannt werden können, statt sich explizit an ältere Personen zu richten, die es eh schon schwer haben eine bezahlbare Mietwohnung zu finden bzw. mieten zu können. Wenn eine Wohnung für ältere Personen ausgeschrieben wird ohne Erwähnung, dass nur Interessenten berücksichtigt werden, welche in irgendeiner Form eine Beeinträchtigung haben, vermutlich in der Mobilität, geht es nicht an, diese wenn sie zur Wohnungsbesichtigung erscheinen in nicht wertschätzender Wortwahl und Körpersprache abzuwerten, in ihrer Würde zu ritzen, sie zu beschämen.
Wie reagierten die anwesenden Wohnungs-Interessenten?
Zwei Personen verliessen umgehend den Raum, eine Person sprach den Herrn direkt auf seine Aussagen hin an, die anderen standen wie eingefroren da.
Dies sind bekannte Reaktionen auf beschämende Situationen und/oder Handlungen. Im Folgenden beschreibe ich, basierend auf dem Buch 'SCHAM die tabuisierte Emotion', weitere Reaktionsweisen samt dazugehörenden Gedanken:
- „Einfrierende“ Reaktionen und Versteck-Impulse
Wir erstarren und verharren im Schmerz. Wir fühlen uns deprimiert, traurig, sind enttäuscht über uns selbst und haben eine geringe Wertschätzung für uns selbst. Wir wollen im Boden versinken, uns verbergen, verstecken oder gar sterben, um nie mehr gesehen zu werden. - Flucht-Impulse
Wir verlassen fluchtartig die Scham auslösende Situation, laufen weg, ziehen uns zurück, isolieren uns und fühlen noch mehr Getrenntheit, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit. - Kampf-Reaktionen
Wir ärgern uns über die in uns Schamgefühle auslösende Person und über uns selbst, werden wütend, aggressiv oder überheblich. Wir haben den Impuls, die Person, die uns beschämt hat, zu beschämen oder anderweitig zu bestrafen.
Wir bedecken oder verbergen unser Gesicht, senken den Kopf oder wenden ihn ab. Wir kneifen die Augen zusammen oder drehen sie weg. Wir schlagen die Augenlider nieder oder senken den Blick, blinzeln schnell mit den Augen oder wir vermeiden den Blickkontakt, der Blick wird unstet.
Wir rollen die Lippen ein, beissen auf die Lippen oder nehmen die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Mundwinkel hängen herab oder zucken. Oder unsere Gesichtszüge „frieren ein“, wir setzen unbewusst eine 'Maske' auf. Je nach Situation kann die Mimik durch den Ausdruck von Ärger, Furcht, Trauer oder Niedergeschlagenheit überlagert werden.
Typischerweise bekommen wir kein Wort oder nur unangebrachte Bemerkungen heraus, wenn wir uns schämen. Wir stottern, lachen verlegen oder beginnen einen Redefluss um die Peinlichkeit zu überdecken.
Stephan Marks beschreibt sechs Formen von Scham, welche sich folgendermassen unterscheiden lassen:
Da sind die Schamgefühle, die dadurch ausgelöst werden, dass man den herrschenden Erwartungen nicht entspricht. Dies kann sich auf den eigenen Körper beziehen (etwa wenn man sich für sein Aussehen schämt) oder auf persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten (etwa wenn man sich dafür schämt Analphabet zu sein). Diese Form von Scham bezeichnet Dr. Stephan Marks als Anpassungs-Scham. Diese Form von Scham bezieht sich auf die eigene Person. Ausgelöst wird sie:
- durch Verletzung von Regeln oder Vorschriften, respektloses, unfaires, unangemessenes oder unsportliches Verhalten. Etwa, wenn man zu spät kommt, wenn der Reissverschluss der Hose versehentlich nicht geschlossen ist, wenn das Handy in einer ruhigen Umgebung klingelt.
- durch Mangel an Bildung, Lese-/Schreib-/Rechenschwäche, Versagen, schlechte Noten, Fehler, Nichteinhalten eines Versprechens, durch psychische Probleme umso mehr wenn sie öffentlich sichtbar werden, durch unsicheres Auftreten, Erröten oder wenn Gefühle sichtbar zu werden drohen.
- durch soziale Schwäche wie geringen beruflichen Statuts, Arbeitslosigkeit, Armut, Hilfsbedürftigkeit, Schulden, Nachgeben oder Verlieren. Unter Jugendlichen zeigt sich diese Scham etwa daran, dass Mitschüler gemobbt werden, die bestimmte „coole“ Statussymbole wie Handy, Kleidung oder Turnschuhe bestimmter Hersteller nicht besitzen.
Häufig ist es der eigene Körper, der Schamgefühle auslöst
-durch kurzfristigen Verlust von Kontrolle über den Körper etwa bei Erröten, Stolpern, Stürzen, Ungeschicklichkeiten, Rülpsen, Blähungen, sich bekleckert haben u.a.
- durch Krankheiten, körperliche Merkmale (Körpergeruch, abstehende Ohren, auffallende Körpergrösse oder durch sichtbare Behinderungen).
- Körperbau, schlechte Sportleistungen, Übergewicht, verminderte Leistungsfähigkeit.
- wenn jemand das Gefühl hat, dem herrschenden Schönheitsideal nicht zu entsprechen.
- wenn jemand in einer rassistischen Gesellschaft die „falsche“ Hautfarbe hat.
Im Unterschied zum Anpassungs-Scham bezieht sich Gruppen-Scham („fremdschämen“) auf andere Personen, etwa wenn man sich für ein krankes Familienmitglied schämt. Ausgelöst werden kann Gruppen-Scham
- durch die Nähe oder Zugehörigkeit zu einer Person oder Familie, vor allem wenn diese „mit Schande behaftet“ ist. So schämt sich frau z.B. für die mangelnde Bildung oder die Armut der Eltern, für die „verrückte“ oder geschiedene Tante oder für das „schwarze Schaf“, den Versager, Straftäter, psychisch oder körperlich Kranken und sein Benehmen.
- durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Nation, die mit Schande behaftet ist.
Auch die mitgefühlte oder empathische Scham bezieht sich auf andere Personen. Wir fühlen mit, wenn wir Zeug:in der Beschämung eines Mitmenschen sind bzw. werden, etwa wenn ein Mensch erniedrigt wird. Mitgefühlte oder empathische Scham befähigt uns zu Mitgefühl, Solidarität und Freundschaft. Sie treibt uns an, Schwachen beizustehen, sie zu schützen oder zu verteidigen.
Eine weitere Ausprägung der Scham ist, die Schamhaftigkeit oder Intimitäts-Scham. Sie hat die Aufgabe, die eigene Privatsphäre gegenüber andren zu schützen (z.B. indem wir persönliche Gefühle nicht in die Öffentlichkeit hinausposaunen).
Intimitäts-Scham oder Schamhaftigkeit hat die Aufgabe, die körperlichen und seelischen Grenzen und die Identität des Menschen zu wahren. Dies geschieht durch Bedeckung von intimen Körperregionen oder durch Kontrolle dessen, was wir über uns preisgeben. Verletzt wird die Intimitäts-Scham wenn unsere Würde verletzt wird, z.B. durch den Missbrauch von Macht etwa durch öffentliche Blossstellung, Anprangerung, Mobbing, Geringschätzung, Kritik „unter der Gürtellinie“, Erniedrigung, Beschämung, Verachtung, Gewalt oder Respektlosigkeit. Oder wenn wir ausgeschlossen oder wie Luft behandelt (soziale Ausgrenzung bzw. Ostrazismus), abgestempelt, angestarrt, ungewollt ausgestellt, verspottet, blamiert, lächerlich oder zu einem Objekt oder einer Zahl gemacht werden. Die Angst, aufgrund eines Versagens beschämt zu werden, kann auch in der Vorstellung vorweggenommen werden, etwa als Lampenfieber, Prüfungsangst oder in Bezug auf Versagen in Beziehungen.
Wir schützen unsere Eigenart, unsere persönlichen Gedanken, Gefühle oder Fantasien, unser Anders-Sein, „halten uns bedeckt“.
Zu viel von der Scham kann auch ungünstig sein, etwa körperlich: Wenn z.B. eine Untersuchung beim Arzt zur Früherkennung aus Scham hinausgezögert wird. Oder seelisch: Wenn wir uns so sehr „bedeckt“ halten, dass keine Begegnung mit anderen Menschen mehr möglich ist.
Wenn die Privatsphäre oder Würde in traumatischer Weise durch andere Menschen verletzt wurde - etwa durch Missbrauch oder Gewalt auf der emotionalen, psychischen, spirituellen oder körperlichen Ebene - bleibt bei Opfern traumatische Scham zurück.
Diese Schamgefühle sind verschieden von den Gefühlen einer Täterin/eines Täters, der sich für ihr/sein Handeln schämt, diese nennt Stephan Marks Gewissens- oder moralische Scham. Die Gewissens- oder moralische Scham meldet sich, wenn wir nicht in Übereinstimmung mit unserem Gewissen, mit Ehrfurcht und Respekt gehandelt haben, Gefühle von Gewissens-Scham treten auf:
- wenn wir gegen unser Gewissen gehandelt haben;
- wenn wir unsere eigenen Ideale oder unsere Würde verletzt haben;
- wenn wir unsere Menschlichkeit aufgegeben haben;
- wenn wir uns materiell, politisch oder seelisch haben korrumpieren lassen
(z.B. ein entwürdigendes Arbeitsverhältnis aufrechterhalten haben);
- wenn wir unseren Lebenssinn verfehlen;
- wenn wir einem Mitmenschen die Hilfe verweigern,nicht mit Zivilcourage gehandelt haben.
Gewissens-Scham erinnert uns an unversöhnte Schuld. Wenn wir z.B. einen Menschen geschädigt haben, genügt es nicht, uns dafür zu schämen. Notwendig ist es auch, diesen Menschen um Verzeihung zu bitten und die Schuld wiedergutzumachen.
Hilfreiche Werkzeuge um autonom Scham und Schamgefühle zu reduzieren oder abzubauen sind
- Thymus berühren oder klopfen:
Dies wird angewendet um eine Situation, Emotion umgehend emotional erträglicher zu bekommen.
Anwendung: Sie berühren (das können Sie überall unauffällig tun) mit Ihrer rechten Hand einen bei Drücken leicht schmerzhaften Punkt ca. in der Mitte zwischen den Brustwarzen oder leicht oberhalb. Sie können diesen Punkt auch klopfen, aber vielleicht einfach mal maximal sieben Mal und dann legen Sie eine Pause ein. Diesen Vorgang können Sie wiederholen so lange bis Sie sich wieder stabiler fühlen. - Bilaterale Hemisphärenstimulation, der sogenannte „Butterfly“:
Damit erreichen wir ein Gefühl/eine Emotion neuronal, also im zentralen Nervensystem (Gehirn) „verarbeitbar“, was bedeutet, dass Stress im Limbischen System (Emotionen-Hirn) durch die Reduktion der Ausschüttung von Stresshormonen abgebaut werden kann.
Anwendung: Sie bringen Ihre Hände mit Ihren über Ihrer Brust gekreuzten Armen zu Ihren Schultern und klopfen rasch und abwechslnd Ihre Schultern. Sie werden ein tieferes Atmen bzw. Durchatmen wahrnehmen können, möglicherweise sogar ein Gähnen. - Präsenzübung „Ich bin da“ anwenden:
Diese Praxis hilft in der eigenen Kraft und mit sich in Kontakt zu bleiben, um auf herausfordernde Situationen, Erfahrungen, Emotionen reagieren zu können. Diese schlichte, jedoch überall gut einsetzbare Anwendung wird auch HHN-Achse-Beruhigung genannt und sogar auch von Spitzensportlern, welche beispielsweise am Start stehen angewendet, um vollkommen und ausgeglichen präsent zu sein und optimal starten zu können.
Anwendung: Sie bringen Ihre rechte Hand auf Ihre Herzzone und die linke Hand auf Ihre Bauchzone und atmen regelmässig und tief ein und aus. Diese Anwendung hilft übrigens auch um leichter einschlafen zu können. - Einen Kraft-Anker feuern:
Das Nervensystem bzw. der ganze Körper wird wieder mit stärkenden bio-chemischen Botenstoffen (Hormonen) versorgt und in einen ruhigeren, gelasseneren Zustand zurückgeführt.
Anwendung: Sie erinnern eine Situation, einen Moment, eine Erfahrung, in welcher Sie sich sicher, geborgen, akzeptiert, verbunden und wohl gefühlt haben. Sie gehen in diese Erfahrung sowohl visuell (was haben Sie damals alles gesehen), auditiv (welche Geräusche, Stimmen, Worte hörten Sie?), kinästhetisch (welche Bewegungen, Tätigkeiten kommen in Ihrer Erfahrung vor?), olfaktorisch/gustatorisch (gab/gibt es zu Ihrer guten Erfahrung einen Geruch oder Geschmack in Ihrem Mund?). Sie tauchen tief in Ihre Sinneswahrnehmungen ein und kreisen gleichzeitig nach Belieben den Daumen Ihrer linken oder rechten Hand.
Auf diese Art können Sie so viele Kraft-Erfahrungen wie Sie möchten auf dem selben Daumen durch Kreisen 'stapeln'.
Sobald Sie in eine destabilisierende Situation geraten, können Sie diskret Ihren mit Kraft-Anker-Erfahrungen "bestapelten" Daumen kreisen. Ihr Körpersystem bzw. Hormonsystem wird Sie augenblicklich in den verankerten, kraftvolleren Zustand zurückbringen.
Quellenverzeichnis / Weiterführende Informationen zum Thema Scham
- Stephan Marks: SCHAM die tabuisierte Emotion, 2. Auflage 2009, (c)2007 Patmos Verlag GmbH & Co KG, Düsseldorf
- Harald Requardt: Skript zum 13. Fachvortrag "Scham erkennen, verstehen - und zum Thema machen" (PDF)
- Sylvia Christine Trächslin: Webseite Abhängigkeit-Co-Abhängigkeit sowie erwerbbare Publikation Abhängigkeit-Co-Abhängigkeit (PDF)